Lammbraten – France meets England in Wales (I+II)

Es war einmal eine Zeit, in der die Briten nicht nur die Weltmeere beherrschten, sondern auch den Motorradmarkt. BSA, Royal Ensfield, Norton, Triumph – das waren Namen, die ein  Bikerherz ein paar Umdrehungen schneller schlagen ließen. Und diese Bikes hatten Charakter, wenn auch nicht immer einen guten. Eine Norton Commando ohne ihren Ölfleck unter dem Bauch war so pervers wie das kontinentale Frühstück; die Vibrationen der BSA-Lighting machten entweder süchtig oder aggressiv, und die Triumph Trident, das britische Superbike der frühen 70er Jahre schlechthin, liebte ihre Werkstatt mehr als ihren Biker.

Aber dann besetzen 1974 die Sozialisten Downing Street und das war das Ende.

Das heiß nicht ganz. Der britischen Cuisine konnten die Sozialisten nicht in die Suppe spucken. Die britische Cuisine war schon vorher ein kulinarisches Trümmerfeld. Kein Wunder, dass die Briten vor der Ankunft von Spagetti Bolognese,  Pizzahut und Mac-was-weiß-ich vor allem von Sandwichen und Shepperd’s Pie lebten.

Na ja, nicht ganz. Es gab da auch das Roast Lamb, und das ist in der Tat nicht von schlechten Eltern – vor allem, wenn es einen kontinentalen Schliff erhielt. Und der ging so.

Malcolm sprang in Tregaron mit der vollen Wucht seiner 82 Kilo auf den Kickstarter der guten alten Matchless G12 und schon brachten die Kolben die 650cc zum Krachen. Da kam Freude auf. Auch bei Gwenny, die ihre weitschweifigen walisischen Formen in dem schmalen Beiwagen sorgfältig verteilt hatte und deren Rundungen sich voller Lust den kribbeligen Schwingungen hingaben. Dann röhrte das Dreigespann fröhlich wiegend nach Llanbadarn Fawr gleich neben Aberystwyth.
Zur gleichen Zeit schob sich Irène aus Brest eine Gitane zwischen die französischen Lippen, hob ihren nicht immer leicht zu ertragenden kleinen Kurzen in das Deux Chevaux und fegte halsbrecherisch von Machynlleth durch die walisischen Berge.
Wohin? Auch nach Llanbadarn.

Dort warteten René aus Brüssel und Frank aus Hamburg in ihrem kleinen gemieteten Häuschen mit Garten. Franks Status? Total zwischen den Gezeiten. Assistant Teacher an der Ardwyn Grammar School, vier Semester Studium hinter sich und fünf noch vor sich. Die DKW RT 250 S mit gebrochenen Vorderbeinen kurz vor der Abfahrt entsorgt, die BMW 51/3 noch bei Chris auf dem Montagegestell. Also kein Motorrad, aber eine frische Frau – allerdings nicht hier, sondern in Hamburg.

Das war schon eine unübersichtliche Zeit. Da half nur eins: Aktivität. Also vom tschechischen Fleischer im Aberaeron einen ordentlichen Lammbraten besorgt, von Jones’s Off Licence in Aberystwyth vier Flaschen roten Bordeaux für uns alle, ein Sixpack Pale Ale für die Köche, ein Satz Gitane für Irène und eine Tüte Marshmallows für ihren kleinen Rüpel.

Und dann ging es unter Irènes Regie zur Sache —

Aber leider muss ich jetzt ab ins Beppo. Ein letztes Bier mit Jörg, und dann werden die Umzugskartons gepackt. Es geht ab Richtung  Süden. Bis nächsten Freitag, Leute.

Am Dienstag geht’s ab an den Bodensee. Ich habe es noch geschafft, mir zwischen den Umzugskartons den Weg zum Rechner freizuschieben. Also Teil II

Und dann ging es unter Irènes Regie zur Sache —

Die Zutaten, die ich jetzt einmal auf vier Personen runterrechne, hatten René und Frank bereits auf dem antiken Küchentisch versammelt.

Für den Braten

  • 1 Lammkeule, je nach Knochengröße 1000-1200g
  • 2 mittelgroße Tomaten
  • 3-4 Knoblauchzehen
  • Für die Kartoffeln
  • 800g Kartoffeln
  • 1 EL süßes Paprikapulver
  • 3 EL Olivenöl,
  • 1 Zitrone,
  • 1 TL Rosmarin, gemahlen
  • 2 Knoblauchzehen
  • Salz

Für die Füllung

In England wird der Lammbraten komplett gerollt und mit „Sage and Onion Stuffing“ gefüllt über die Fleischertheke geschoben. Eine Salbei-Zwiebel-Füllung von Paxo gibt’s im Internet. Die ist wie bei Großmuttern, aber mit etwas Experimentierfreude kann man sie auch selbst zusammenbasteln, etwa mit

  • 100 g (etwa 3 Scheiben) altbackenes Graubrot.
  • 1 kleine Zwiebel
  • 1 TL Salbei (gerieben oder (wenn möglich frisch) klein gehackt; Thymian ist auch möglich)
  • ½ Zitrone
  • 30g Butter
  • 0,15 l (=eine Tasse) Fleischbrühe

Und so ging Irène vor:

Während sie langsam die Küche unter Rauch setzte, ließ sie uns arbeiten.

1. Die Füllung: Gwenny säbelte das Brot in möglichst kleine Würfel, mischte den Salbei runter, rieb die Zwiebel hinein, legte das Stück Butter oben auf und übergoss alles ganz langsam mit der heißen Brühe. Ginny wusste es von ihre Großmutter: die Tasse Fleischbrühe ist ein Richtwert. Da muss man sich vorsichtig an die richtige Menge herantasten und man muss bedenken, dass alles noch nachquellen wird. Am Schluss schmeckte Irène das Ganze vorsichtig mit dem Zitronensaft ab.
Dann durfte der Brei eine halbe Stunde ausruhen

2. In der Zwischenzeit hatte René die Knoblauchzehen in spitze kräftige Stifte geschnitzt, die Tomaten gehäutet, halbiert und mit Rosmarinpulver bestäubt, während Frank die Kartoffeln skalpierte, halbierte, abspülte und mit einem (sauberen?) Tuch trocknete, in einer Schüssel Olivenöl, Paprikapulver, den mit der Presse zerquetschten Knoblauch, Rosmarin und Zitronensatz vermischte, dann die Kartoffeln in die Sauce schmiss und darin kräftig wendete. Auch hier eine Ruhezeit von 30 Minuten.

3. In dieser Zeit war Malcolm schon beim zweiten Bier und riss dem Fleisch den Knochen aus dem Leibe, pfiff die Füllung heran und massierte sie in das Fleisch. Jetzt schnell alles zusammengebunden (mit Küchengarn, auf keinem Fall Paketband. Das verbrennt wie nix beim Anbraten)

4. Irènes kleiner Rüpel jubelte aus dem Garten in die Küche herein, schwenkte begeistert eine grinsende Ratte am Schwanz und haute das tote Tier auf den Küchentisch.
Die wollte keiner haben. Irene haute dem Kurzen eins um die Ohren (das tat uns allen gut)  und versetzte der Hammelrolle mit einem schmalen kleinen Messer mehrere tiefe Schnitte, schob die Knoblauchstifte hinein, rollte die Gitane in den anderen Mundwinkel und briet die Lammrolle an. Im Garten massakrierte ein rasender Zwerg die Fuchsienhecke.

5. Nun kam der Braten auf das Backblech (Fettpfanne mit hohem Rand), die  restliche Füllung irgendwo daneben und alles verschwand in dem vorgeheizten Ofen (Umluft 180 Grad; Backzeit: 10cm Fleischhöhe=60 Minuten). Ab und zu goss Irène Bratensaft über den Braten und/oder löschte mit Wasser.

6. 35 Minuten vor Schluss kamen die Kartoffeln auf den Grillrost über dem Braten und die Füllung auf dem Rost wurde gewendet. In den letzten 10 Minuten durften sich auch die Tomaten zu den Kartoffeln gesellen und der Braten bekam keine Flüssigkeit mehr über die Kruste gekippt.

Und wenn die Zeit gekommen ward, arrangierte Irène unter französischen, deutschen, englischen und walisischen Ausrufen der Bewunderung alles auf dem Backblech, gab Salz über Kartoffeln und Tomaten und haute das Blech auf den Tisch.

Dann erwürgte sie ihre Gitane in einem Aschenbecher, tätschelte ihrem verhaltensgestörten Liebling die Wange und es ging los. Und wer nicht gerne auf eine Knoblauchzehe biss, der friemelte sie aus seinem Stück Hammel heraus und legte sie einem Knoblauchmäuschen auf den Teller.

Tipp: Wenn dir das Rollen des Braten nicht so gut von der Hand geht, nicht verzweifeln. Sei unorthodox und lege die gesamte Füllung neben das Fleisch.
Gib die Füllung erst 40 Minuten vor Bratenende dazu.
Platziere das Fleisch mit der talgigen Seite nach oben. Das gibt eine Kruste, um die sich das Volk schlagen wird.

Und wenn ihr nicht wisst, wie ihr die Zeit verbringt, in der das Lamm im Ofen geduldig seiner Vollendung entgegengeht, dann denkt an den Pesce Bollito Con Maionese. Das sagt euch nichts? Da sag ich nur: In einer Woche wieder auf dieser Seite.

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