Zwiebelkuchen – die sportliche Variante

Mein Gott, wie lange ist das her. Mit der 51/3 von Hamburg nach Portugal.

1969 irgendwo zwischen Ciudad Rodrigo und Guarda

Unsere Motorradkleidung: helle Jeans, Sommerblouson, die Klimax Brille im Gesicht und die Eierschale auf dem Kopf, die heute als brain cap wiederauferstanden ist.
Unser erster großer Stopp: Arles.
Wir schlagen auf dem Zeltplatz unser Zelt auf und brummeln mit der BMW in die Stadt. Ziel ist der Markt am Boulevard des Lices. Der hat leider geschlossen, heute ist er in der Hand der Boule-Spieler.

Wie spannend. Das haben wir noch nie gesehen. Wir schließen uns einer Gruppe Zuschauer an.
In dem großen Halbkreis aus luftig und bunt gekleideten Touristen und alten Herren mit Schiebermütze und ausgebeulten Hosen um die Beine haben sich blanke Kugeln um das cochonnet, das Schweinchen, versammelt, eine näher als die anderen.
Ein junger Mann tritt nach vorn, schwarze Flanellhose, schwarze Lederschuhe, das graue Hemd über der sportlichen Brust leicht geöffnet. Er poliert die Kugel, wiegt die 690 Gramm in seiner linken Hand, kalkuliert die Position von gegnerischen Kugeln und dem Schweinchen, macht sich zum Wurf fertig, federt seinen Körper leicht nach unten, um dann mit langem Arm die Kugel in einem perfekten Bogenwurf mit Effet in ihr Ziel zu schicken.
Die pieds tanqués, die Füße geschlossen, die eingefederten Knie leicht nach links geschwenkt, der schmale Schnurrbart, die konzentrierten Augen und das akkurate schwarze Haar bilden eine dynamische Einheit, und diese Einheit lässt die Kugel da landen, wo sie soll.
Die Menge murmelt voller Bewunderung. Die Kugel liegt unschlagbar nahe an dem cochonnet.
Spannung kommt auf und ein Ruf: „En avant carotte, tire!“
Eine junge Frau tritt hervor. Der tireur – oder die tireuse? – ihr Haar halblang und leuchtend rot mit einer schwarzen Strähne, die linke Augenbraue gepierct. Das grüne T-Shirt in die Jeans gezogen.
Mit beiden Füßen sucht sie einen sicheren Stand auf dem Boden, wippt in den Knien, lässt den Oberkörper leicht nach vorne fallen, der rechte Arm mit der Kugel pendelt locker, ihre grünen Augen fixieren das Ziel, acht Meter Luftlinie, was denn sonst, dann pendelt der Arm weit nach hinten bis in Schulterhöhe und schwingt sauber und ohne sichtbare Anstrengung nach vorne durch, öffnet im richtigen Augenblick die kugelhaltenden drei Finger und jeder verfolgt, wie sich die Kugel in flachem Bogen auf ihr Ziel stürzt und mit einem lauten Klick auf ihren Gegner knallt. Der fliegt nach links und sie fliegt nach rechts. Das Rennen ist wieder offen.
Mit ernstem Gesicht geht carotte zurück zu ihrer Mannschaft. Ein Alter schlägt der Meisterkarotte anerkennend auf die Schulter.

Nach einer Stunde gehen wir zum  Place du Forum, van Gogh lässt grüßen, in den Platanen alle Spatzen Frankreichs, in den Bistros Alain Delon und Françoise Hardy mehrfach geklont, aber keine Busladungen japanischer Touristen, vor Elke ein Pastis Ricard, vor mir eine bière pression, und vor uns beiden eine baguette au jambon et fromage.

Wir lassen die Beine baumeln, beobachten voller Interesse, wie ein Deux Chevaux in die Gasse röhrt, die heute wohl eine Einbahnstraße ist, sehen, wie er rückwärts wieder heraus röhrt, gejagt vom einem nicht mehr taufrischen Renault Dauphine, um dann wieder voller Zuversicht in die enge Gasse zu fegen.
Auf dem Weg zum Zeltplatz nimmt uns im Fenster einer Pâtisserie ein Stück Hefekuchen gefangen, bunt wie ein Papagei mit Oliven auf den Augen und dem magischen Versprechen einer Überraschung.

Am frühen Abend, wenn die Zikaden noch einmal so richtig in die Saiten hauen, ziehen wir uns den Papageienkuchen aus den Packtaschen, setzen vorsichtig einen Probierbiss an – good Lord, das Ding ist herb wie ein englisches Tomatensandwich. Ein zweiter vorsichtiger Biss und dann gibt es kein Halten mehr. Biss auf Biss und schon ist die erste Pizza unseres Lebens versenkt – und  die Flasche vin rouge ordinaire trocken gelegt.

Jetzt lebe ich am Bodensee, habe vor einem Jahr mein letztes Motorrad verkauft, vorher noch einmal as liebe Stück ordentlich, …

… wenn auch mit etwas feuchten Augen poliert, mein allerletztes Bike steht im Garten und wartet auf den Wind,

in Überlingen gleich um die Ecke jagt auch die Boulekugel das kleine Schweinchen.

Eine Pizza esse ich immer noch gern, aber wenn ein grauer Herbstmorgen den Winter ankündigt, wenn der Wein von den Hängen geholt und in den Pressen ausgequetscht worden ist, da freue ich mich auf den Zwiebelkuchen.

Meine liebste Variante habe ich aus der Münsterstadt Breisach importiert. Und die geht so:

Hardware
Große Pfanne
Backblech 27 x 20 cm
Teigrolle
Ofen mit Ober/Unterhitze
Rührwerk mit Schüssel
Schüsselchen
Scharfes Messer
Zwei kräftige Hände

Kochware
Für den Teig:
300 ml warme Milch (Laktoseprobleme? Wasser tut es auch)
350g Mehl
2 EL Rapsöl
1 (kleines) Ei
20g Hefe
Prise Zucker
Salz
Semmelbrösel

Du kannst dir als gestresster Arbeitnehmer den Teig natürlich auch aus dem Supermarkt holen. Das ist zwar praktisch, aber eben auch weniger sportlich. Und es geht doch nichts über einen sportlichen Rentner (das ist ein generisches Maskulinum und schließt die Rentnerin ein!)

Für den Belag
Margarine oder Schweineschmalz zum Dünsten
500 g Zwiebeln in Ringe geschnitten
300 g Stangenlauch oder Porree in Scheiben geschnitten> 2 Stangen ergeben ca 300g
150-200g Speck gewürfelt
100 g Schmand (oder süße Sahne mit Frischkäse vermischt)
100g saure Sahne
100g Quark
50 g Crème fraiche
2 EL Mehl
2 Eier
Maggi, Pfeffer, Salz, 1/4 Muskatnuss gerieben
Ich mische unter meine Hälfte noch drei Prisen Kümmel.

Bevor es losgeht, eine Warnung. Der Hefeteig ist ein Sensibelchen. Man weiß nie genau, wie er heute so drauf ist. Ein Wettertief mag er nicht, die Nähe eines Backautomaten macht ihn nervös, bei alter Hefe wird er knatschig und bei Zugluft echt verschnupft.
Und ein Hinweis: Das wird ein riesiger Lauch- und Zwiebelberg. Keine Panik. Wenn der Kuchen aus dem Ofen kommt, wirst du beruhigt sein.


Und dann geht es los:
– Den Ofen auf 50 Grad anheizen und abstellen.
– 250 g Mehl in die Rührschüssel geben und in die Mitte des Mehls eine Mulde drücken.
– In einem kleinen Gefäß 1/3 TL Zucker in 2 EL warmer Milch auflösen, die zerkrümelte Hefe dazu rühren und in die Mehlmulde geben. Dabei einen Löffel unter den Guss halten, damit die Flüssigkeit nicht bis zum Boden durchschlägt.
– Von den Rändern her den Hefebrei mit etwas Mehl bedecken und in den Ofen stellen.
Wenn die Hefe das Mehl aufbricht (wenn die Hefe also das erste Mal gegangen ist) alles im Rührwerk durchkneten. Dabei langsam die warme Milch, das Ei und das Salz hinzufügen.
– Am Schluss das restliche Mehl hinzugeben und so lange rühren, bis der Teig blasig wird und sich vom Boden hebt.
– Ganz am Schluss das Öl einkneten.
– Den Teig mit einem Tuch abgedeckt in den warmen Ofen stellen, bis er ein zweites Mal um die dreifache Höhe gegangen ist. Das wird 45-90 Minuten dauern.

– Wenn der Teig seine dreifache Höhe erreicht hat – spätestens, wenn er sich heimlich über den Schüsselrand in das Ofeninnere wälzen will –  greifst du ihn dir und verpasst ihm wieder eine temperamentvolle Knethakenmassage; Pedanten oder verspielte Matschseelen wie ich kneten zum Abschluss drei Minuten mit verzückten Händen das ganz noch einmal durch.
– Nun rollst du den Teig auf dem gefetteten Blech dünn (3 mm; das ist da, wo du für dein Bike schon mal an den nächsten Reifenwechsel denken kannst) aus. Bedenke, dass er beim dritten Gehen wieder seine dreifache Höhe erreichen wird.

Während dieser ganzen Prozedur hast du in der Pfanne das Fett erhitzt, dünstest jetzt bei mittlerer Hitze den Lauch und die Zwiebeln und lässt beides kühl werden. Dann vermischst du alles

alles mit dem Schmand, der sauren Sahne, dem Quark, dem Ei, dem Mehl und Pfeffer und Salz (und Kümmel), und verteilst es vorsichtig über den Teig und schiebst das Blech in den warmen Ofen.
Wenn der Teig beginnt, sich nach oben zu bewegen, stellst du den Ofen auf 220 Grad. Hat er diese Hitze erreicht, dann gibst du dem Ganzen noch ca. 25 Minuten.
Lass ihn 10 Minuten abkühlen, der sollte gut warm sein, wenn er dir zwischen die Zähne gerät.

PS.: Jetzt habe ich mir alles noch einmal angeschaut. Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Na, in meinem Alter darf man schon mal etwas tüddelig sein.

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