Salade courgette à la créole

Eigentlich sollte jetzt ein weiterer Fisch auf den Grill gelegt werden, aber wie ich so meine Fotos durchklicke, da taucht plötzlich von ganz weit her ein Vorfall auf, der zu einer schlimmen Wendung in meinem Leben hätte führen können. Jetzt, wo ich ein Alter erreicht habe, in dem das Urteil der Welt über mich immer unwichtiger für mich wird, da, so denke ich, kann ich auch einmal einen Fehltritt öffentlich machen.

k-montage-elkeVor vielen Jahren, als das Geld knapp war und die Knochen jung, als in der Schultüte noch echte Bonschen, Lakritz und Schokoriegel schlummerten und nicht eine Option auf eine Rentenzusatzversicherungspolice, da habe ich meine überschaubaren Kröten in eine betagte, aber wunderschöne BMW R 51/3 investiert, in ein Zelt ohne Boden und in eine Frau. Die BMW war eine gute Investition, das Zelt war eine weniger gut, die Frau war ein absoluter Volltreffer. Warum war sie das? Weil: Sie hatte das schönsten Lachen der Welt – und außerdem ein festes Gehalt.

Was macht man mit einer 51/3, einem bodenlosen Zelt und einer Frau mit dem schönsten Lachen der Welt? Man fährt in den Semesterferien dahin, wo der warme Wind dem Körper die Sinnlichkeit lehrt, etwa nach Arles.

k-montage-end1970 – Arles und der Place du Forum, van Gogh lässt grüßen, in den Platanen alle Spatzen Frankreichs, in den Bistros Alain Delon und Françoise Hardy mehrfach geklont, vor uns ein Pastis oder ein Americano oder schlicht ein bière à la pression, daneben ein baguette au jambon. Und wenn wir mal das Tagesbudget kurz ausblenden, dann lassen wir schon mal einen Salade courgette à la créole kommen. (Die Gedanken daran, wie das heute dort vielleicht aussehen mag, streichen wir mal.)

Kurz: Wir lassen die Beine baumeln, beobachten voller Interesse, wie ein Deux Chevaux in die Gasse röhrt, die heute eine Einbahnstraße ist, sehen, wie er rückwärts wieder raus röhrt gejagt vom einem nicht mehr taufrischen Renault Dauphine, um dann wieder voller Zuversicht in die Enge Gasse zu fegen.

Auf dem Weg zu unserer 51/3, die sich inzwischen mit einer brandneuen Honda CB 450 angefreundet hat – die hatten sich unheimlich viel zu erzählen – nimmt uns im Fenster einer Pâtisserie ein Stück Hefekuchen gefangen, bunt wie ein Papagei mit Oliven auf den Augen und dem magischen Versprechen einer Überraschung.
k-arles-pizza1korrAm frühen Abend, wenn die Zikaden noch einmal so richtig in die Seiten hauen, ziehen wir den Papageienkuchen aus den Packtaschen, setzen vorsichtig einen Probierbiss an– good Lord, das Ding ist herb wie ein englischer Tomatensandwich. Ein zweiter vorsichtiger Biss und dann gibt es kein Aufhalten mehr. Biss auf Biss und schon ist die erste Pizza unseres Lebens versenkt – und die Flasche vin rouge ordinaire trocken gelegt.

Am nächsten Morgen passiert sie dann, die größte aller Katastrophen meines Lebens, die mich hätte in den Abgrund reißen können, in einen Abgrund so tief wie die Schlucht, in die immer die Omnibusse fallen. (Okay, Leute, die letzten Worte sind geklaut.)

Am nächsten  Morgen also– ich war schon …

Es tut mir furchtbar leid, meine Hände zittern, die Erinnerungen machen mir die Kehle eng, es geht einfach nicht mehr. Ich mach’ eine Pause (Oh Gott, wo ist mein Taschentuch!?)

Okay, alles wieder im Lot. Das Taschentuch ist in der Wäsche, die Kehle wieder locker und die Finger finden ihren Weg auf der Tastatur.

Also – am nächsten  Morgen pell’ ich mich mit glänzenden Augen aus dem Schlafsack, streichle kurz die 51/3 und trolle dann ab  in den Sanitärbereich.

Karbolgeruch schlägt mir entgegen. Bilder huschen um die Ecke, im Schlepptau das Pissoir in der Volksschule, wo wir mit gezieltem Pinkelstrahl die Fliegen von der schwarzen Wand holten. Meine Nase zieht die Flügel ein. Mit einer Kombination von Katzenwäsche und Deospray wird der Karbolgeruch ausgelöscht und das Haar, das damals noch üppigen, in die rechte Ordnung gebracht,

k-Fr73-03060312Dann zurück zum Zelt, erst in die Unterwäsche gesprungen und dann in die Jeans. In der épicerie ein baguette und zwei croissants gekrallt, den Wasserkessel zum Pfeifen gebracht und bald brodelt das heiße Wasser auf den Kaffee. Ein Duft, der Tote ins Leben zurückholt!

Aber nicht meine lachende Schöne!  Die liegt ohne ihr Lachen immer noch zusammengerollt wie ein Igel im Winterschlaf. Den Kaffeeduft in das bodenlose Zelt gefächert. Nichts! Nur ein kurzes Räkeln, ein kurzer Seitenwechsel, ein leises Kräuseln der Nase. Und dann – nichts!

Draußen Verstimmung. Die 51/3 muffelt, sie will rollen, die CB 450 hat ihr fantastische Geschichten erzählt über die Ardèche, über ihre bizarren Windungen, über die Tour von Vallon Pont d`Arc nach Champelplot.k-51-3 text

Die 51/3 kann sehr beharrlich sein. Ihr mächtiger Hoske Büffeltank wird noch mächtiger. Der Druck steigt an, und dann passiert’s. Angeheizt von der BMW reiße ich die Zeltschnüren von den Heringen, und wie ein Magier – wuusch -zaubere ich meinen schlafenden Igel ins Freie.

Sonnenlicht, grell, beißend, die Augenlider durchschlagend wie eine Fehlzündung. Der schlafende Igel verwandelt sich in einen Vulkan, Feuer speiend. Putz mich runter wie eine Karotte im Schnitzelwerk. Das zitternd dargebotene Croissant wird beiseite gefegt und landet auf der Zündschloss der 51/3. Die dreht sich auf ihrem Ständer dezent beiseite und schmunzelt unverschämt. Ach, dass sie das noch einmal erleben darf: Der Herr über Getriebe und Benzin, reduziert zu einem Nichts, dessen Zittern nicht einmal die Motorradstiefel kaschieren können.

Nie wieder habe ich meiner Schönen mit dem schönen Lächeln ein Zelt über dem Kopf abgebaut. Und erst am Abend bei einem Salade courgette à la créole in Valon Pont d’Arc, der fast so gut schmeckt wie die Arlesianische Variante, da ist das Lachen wieder da und mir fällt ein Stein vom Herzen so groß wie der Bus, der … ja wo immer hinein stürzte.

Und hier unser Friedensstifter, den ich einmal zur Größe einer Vorspeise herunterrechne:

  • 1 kleine Zucchini (courgette)
  • 100 g Krabben
  • 2 EL gute Mayonnaise
  • 1 TL Zitrone (fang mit einem halben an, es gibt Zitronen, die sind so sauer, das glaubst du nicht)
  • 2 mittelgroße Tomaten
  • 5 gehackte grüne Oliven auf dem Stein
  • 1 Spritzer Tabasco-Sauce oder 1 Prise Cayenne Pfeffer oder eine Doppelprise Rosenpaprika oder sonst was in der Richtung

Und so gehst du vor:

Die Courgettes schälen, würfeln, in kochendes Salzwasser werden, aufkochen und 1 Minute ziehen lassen (also was die Profis wie der große Lafer „blanchieren“ nennen).

Dann abgießen und abtropfen lassen.

Den Tomaten die Haut abziehen (nachdem wir sie mit kochendem Wasser übergossen und sozusagen crash-blanchiert haben) und das Mark entfernen.

Die abgekühlten Courgetteswürfel mit den in dünne Streifen geschnittenen Tomaten und den restlichen Zutaten vorsichtig vermischen und gut gekühlt servieren. Ein dezente Petersiliendeco kommt gut.

Dazu ein leicht geröstetes Baguette, etwas Kräuterbutter und einen trockener Rosé, und du wirst erfahren, dass es keiner Wunder bedarf, um über jeden Zorn die Sonne der Versöhnung erstrahlen zu lassen – allerdings nur, wenn du die Kräuterbutter selbst herstellst. Da musst du mal experimentieren mit

  • Butter
  • Knoblauch in Salz mit der Gabel zu Brei verarbeiteter (so vorsichtig, nicht zu viel!)
  • etwas pikanter Frischkäse wie Almette oder Buko mit Kräutern
  • Oregano (wenn möglich frischer, aber getrockneter ist schon Okay.
  • oder Dill
  • oder Schnittlauch
  • oder sonst was.

Das Ganz mit der Gabel so lange bearbeiten, bis es so was wie schaumig wird.

Kräuterbutter ist ein ganz besonderes Ding. Die will nicht irgendwo hin, die will in deine Arme. Also . finde für sie deinen ganz persönlichen Dreh.

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