Fish’n‘ Chips oder Eine Rede zum Abschied

Fish’n‘ Chips oder eine Rede zum Abschied

2008/2013: Abschiedsrede eines 65jähigen Lehrers und Leiters einer Theatergruppe, der seit drei Wochen souverän das Überschreiten der 70er Grenze ignoriert.

Liebe Leute,
Im Leben eines jeden Mannes und einer jeden Frau gibt es Momente, in denen er/sie in sich geht. old head text-klklIch gehe in mich seit einem halben Jahr und habe  versucht herauszufinden, wie ich ticke.

Da tun sich erstaunliche Bilder auf, die ich niemanden ungebremst sehen lasse. Aber da ich ein Mensch bin, der sich, wie fast jeder Mensch, verallgemeinern lässt, stelle ich euch ein paar von der Zensur frei gegebene Bilder vor.

Wovon ich geträumt habe:
15 Jahre – 1. Traum
eine 500er BMW mit einem Beiwagen
In dem Beiwagen eine Taucherausrüstung
und damit auf dem Weg nach Portugalprofil14.

16 Jahre – 2. Traum
In der Griechischstunde mit Xenophon und einem beharrlichen Gähnen durch Kleinasien geirrt,
dabei ein Gesichtsprofil zeichnend,
weiblich – mit einer wunderschönen Nase.

31 Jahre –  Realität
1974 mit einer 650er BSA Lightning von Belfast nach Bordeaux
von den fish’n‘ chips zur dégustation de fruit de mer
und weiter zur Algave – sardinhas assadas,
vinho tinto und das weite Meer.
Hinten auf dem Bock das wunderschöne Gesichtsprofil,
und dann gemeinsames Abtauchen in der Bläue des Atlantiks.

Der schönste Moment:
Von dem Tauchboot auf die BSA,
ein Kick
und die Kurbelwelle räkelt sich wohlig in ihrem Motorenöl,
wir räkeln uns in die Sitzbank hinein.
Auf dem Tauchboot ein alter Knacker von einigen 45 Jahren,
sein langer Blick hakt sich fest
an unserem Räkeln
seine Augen voller Sehnsucht
mit einem Hauch von melancholischem Neid.
Ach, das war schön.

Wo ich gelacht habe?
als ich eine Lektorenstelle an der Queens University of Belfast bekam.
(einige Gewehrsalven im Hinterhof brachten das Lachen leicht ins Stottern.)
als mein Sohn das erste Mal auf seinen kleinen Beinen stand.holger-klkl-text
Gedankenverloren erhob er sich
Und setzte sich,
ohne zu bemerken,
wie mir vor Erstaunen der Unterkiefer
nach unten klappte.
Als die „Dreigroschenoper“ trotz chaotischer Probenarbeiten ein Erfolg wurde.
Als Carina im „Goldenen Baum“ Liza Minelli an die Wand sang.
Als Frederike als Eheberaterin FRAU DR. K. Herrn Blöhmann fragte: “Küssen Sie Ihre Gattin gelegentlich?“ Und  HERR BLÖHMANN antwortete: „Weniger. Es ist zeitlich immer etwas ungünstig.“

Besonders glücklich habe ich gelacht,
als ich auf Altersteilzeit ging
und mir der Lehrerberuf endgültig zum Hobby wurde.
Mehr gehechelt als gelacht habe ichMINOLTA DIGITAL CAMERA
am Tage vor meinem 65sten Geburtstag,
als ich über die vereiste Südwand mit Eispickel und Steigeisen
zum Gipfel des 4200 m hohen Alphubel gerobbt bin.
Und aus den tiefsten Tiefen meine Seele kommt mein Lachen,
wenn die Fußraste meiner Suzuki in der Kurve den Asphalt rasiert.

Wo ich geweint habe?
Auf der Fähre von Dun Laoghaire nach Le Havre, als Irland im Meer versank.
Als ich das erste Mal den Innenhof meiner Schule  sah,
und in meinem Kopf ein Film entstand über die Schule als Volksgefängnis.
Ich weinte an den Wochenenden,
an denen ich eine Korrektur nach der anderen durchjagen musste,
als mir meine Mitte abhanden kam,
und ich Schülerkritik als Kritik an meiner Person missverstand.
Als ich von meinem Ministerpräsidenten als „fauler Sack“ diffamiert wurde.
Ich weinte,
als Anna Seghers starb
Als Peter Huchel starb
als meine Mutter starb.

Heute Abend lache ich links und weine ich rechts.

Liebe Leute
es ist gut, wenn wir lachen und es ist gut, wenn wir weinen. Aber das schönste ist doch das Lachen.
Ich bin ein stiller Mensch, aber oft auch ein verrückter Mensch und gelacht habe ich viel. Vor allem in den Klassen, vor allem auf den Theaterproben und vor allem mit meiner Frau.

Und mit ihr – und ihrer schönen Nase – werde ich noch eine ganze Zeit lang weiterlachen

meersburg-klUnd warum ich das alles erzähle? Weil es mir  einfach Spaß macht und weil ich bei den üppigen Fish’n‘ Chips  am Vorabend meines 70 Geburtstages wieder an diese Rede denken musste. Und diese Fish’n‘ Chips möchte ich euch nicht vorenthalten.

1. Die Chips
Seit Asterix bei den Belgiern war, wissen wir: Die Pommes sind keine französische Erfindung, sondern ein belgische. Und die Belgier frittieren anders als chefkoch.de. Daher vier Tipps:

1. Als ich (Niedersachse) und René (Belgier) in Llanbadarn Fawr gleich neben Aberystwyth im Herzen von Wales vor vielen, vielen Jahren wieder einmal Irène (Bretonin) zuarbeiten mussten und ich in bester britischer Manier Riesenchips schnitzte, rollte sie entsetzt ihre Gitane von rechts nach links und stöhnte: Mais Frank, siis ihs extriemely terríble. We  want no chips, we want pommes frites.
Und immer, wenn wir french fries alias chips à la francaise als kleine Stäbchen schnitzelten, dann summte ich vor mich hin:

We don’t want chips,
We want pommes fritz.

2. Spüle die schlanken Kartoffelschnitzel mit reichlich Wasser ab, um sie von der Kartoffelstärke zu befreien und reibe sie dann sorgfältig trocken. Die Schnipsel werden dich anstrahlen wie ein frisch ein gewaschenes Baby und tauchen dann aus dem Öl empor krosser als kross – wenn du die richtige Kartoffel hast, und das ist eine mehlige wie etwas die Bintje.

3. Heize das Öl in der Fritte auf 175 Grad, schmeiß dein Kartoffelvolk hinein. Das letzte bisschen Feuchtigkeit flüchtet in Panik in die Dunstabzugshaube, während du das Sieb kräftig rüttelst oder das Völkchen mit einem Löffel locker rührst.
Heb das Sieb hoch, lass die Temperatur wieder auf volle Touren kommen und wieder das Sieb runter. Jetzt die Temperatur auf 150 Grad senken. Eine goldgelbe krosse Pommes möchte in aller Ruhe ihrem finalen Höhepunkt entgegenbrodeln.

4. Wirf die krosse Meute zum Abölen nie auf saugendes Papier – da wird die Meute total schlaff – , sondern schüttele sie im Sieb, dass die Tropfen fliegen.

2. Der Fisch
Was kann man nicht alles mit Fisch machen. Die Briten machen vor allem fish’n’chips, dabei sind sie von Fischen umgeben.
fish-klDer Volksklassiker – er hat inzwischen in einer großen Koalition mit Pizza und Burger die ehemals hageren Briten zu einem Volk der Superbäuche gemacht –  will eigentlich für seine Panade nur Bier und Mehl. Meine Fish’n Chips haben sich zwischen Belfast und Bordeaux mit der Crèpe-Küche angefreundet und haben das Eiweiß kennen gelernt – und waren begeistert, Daher wollen sie von mir für zwei Personen

  • 250 g Kabeljau (cod) oder Schellfisch (haddock)
  • 100 g Mehl=4 EL
  • 1 Eiweiß (von einem mittelgroßen bis großen Ei)
  • 1 EL Öl
  • 0,15 l (also  1/4 pint, also ein 0.2 Trinkglas gut halb voll) kühles Lager, aber ein Pils findet der Kabeljau auch gut.
  • 1 Zitronenscheibe
  • 1 The Sun, page 3

Nachdem wir die SUN mit dem Foto auf Seite 3 nach unten gedreht haben, fangen wir an:

  •  Den Fisch habe wir schon eine Stunde vor der Aktion mit dem Zitronensaft gesäuert.
  • Jetzt Mehl, Bier, und Öl in der Reihenfolge mischen und mit der Gabel oder dem Schneebesen verrühren.
  • Stehen lassen. Die Pampe brütet sich in 30 Minuten selbst aus.
  • Die Wartezeit mit einer Flasche Bier und der Herstellung der Pommes und/oder eines Salates überbrücken.
  •  Kurz vor dem Frittieren das Eiweiß steif schlagen und vorsichtig unter die Pampe heben.
  •  Die Fischhälften durch die Pampe ziehen und drei bis vier Minuten frittieren.
  • Dabei einmal wenden.
  •  Die SUN wieder umdrehen und nach einem letzten Blick die nackten Tatsachen mit einem Küchenkrepp züchtig verhüllen und darauf die Fischhälften kurz abtropfen lassen.

TIPP: Das ist zwar ein totaler Stilbruch, aber 2 EL Sesamkörner unter die Panade rühren, das kommt enorm gut.

Deinen krossen Kabeljau kannst du mit Essig würzen (aber natürlich nur mit malt vinegar, dem real fish and chip shop flavoured vinegar!) und die Chips mit HP-Sauce, aber diese Folter wollen wir unserem kontinentalen Gaumen denn doch nicht antun. Wir bauen uns ganz hanseatisch eine Remouladensauce zusammen. Das ist ein liebenswertes Kinderspiel und geht so:

Du versammelst um dich

  • 50 g Joghurt
  • 50 g Mayonnaise
  • 50 g Almette mit Kräutern
  • 1 TL Kapern halbiert
  • 1 Sardellenfilet klein geschnitten oder
  • ½ TL Sardellenpaste
  • 3 TL Dill gehackt
  • 3TL Schnittlauch klein geschnitten
  • 30 g Salzgurken (die aus dem Spreewald sind einfach unschlagbar), klein geschnitten
  • ½ TL mittelscharfer Senf
  • Salz
  • gemahlener schwarzer Pfeffer

und zählst kurz ab („Du kommst rein und du kommst rein, und keinecartoon-klr fliegt hier raus“)und rührst die ganze Meute schlicht und einfältig zusammen.

Und dann, wenn die Tagesschau kommt und ihr wieder einmal erfahrt, dass die Minizinsen euer liebevoll Erspartes beharrlich abschmelzen und Richtung Banker fließen lassen, dann zieht ihr euch die Kalorienbombe rein, denkt an was Schönes und freut euch, dass es euch noch gibt.

 

Veröffentlicht unter Fisch.

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