Kohl und Pinkel in drei Teilen

1. Teil
Heute hören die Frauen mal weg. Heute ist Fleischtag, das heißt kein totaler Fleischtag. Heute ist Fleisch-Kartoffeln und Kohltag. Aber vor allem geht es ganz fleischlich ums Fleisch (Da spitzen die Frauen doch schon wieder die Ohren.).

Dabei ist die Stimmung alles andere als fleischlich. Ich sage nur: Dezember, der Bodensee in der Krise. Das Motorrad brütet vor sich hin. Die Nebel wabern durch die Straßen und die Eiscafés haben die Jalousien heruntergelassen. Kurz und einfältig: Endzeitstimmung.

k-knippAber immer, wenn der Mensch denkt: Jetzt ist das Ende nah, tut sich ein Lichtlein auf in der Finsternis, und dieses Licht heißt NWZ, genauer der Online Shop der Nordwest-Zeitung aus Oldenburg. Hier findet die gequälte Seele aus dem Norden ihren Trost und ihre Nahrung – zum Beispiel Knipp (Da gibt es Leute, denen werden bei diesem Zauberwort die Augen feucht.) oder Labskaus (Da gibt es Leute, die entsichern bei diesem Zauberwort die k-labskausKalaschnikow) und natürlich Pinkelwürste.

Ach ja, Kohl und Pinkel! Schon steigen sie empor, die Erinnerungen. Die endlose Weite zwischen Oldenburg und Dangast, die nur durch den Horizont gebremst wird, die schnurgeraden Kanäle und die ebenso schnurgeraden Wege, die im Winter zum Boßeln einladen. Und wenn die Boßelkugel mit archaischem Schrei aus dem Arm des Werfers fliegt (im Idealfall schnurgeradeaus, im weniger idealen Fall gegen eine erstaunte Weide oder in den Moddergraben), dann rückt es wieder ein Stückchen näher, das Ziel, das lang ersehnte. In Dötlingen, gleich hinter Poggenpohlsmoor, stöhnen schon bald im Kläner Hof  die langen Tische unter Platten mit dampfenden Pinkelwürsten, würzigen Kasslerscheiben, Schüsseln voller Grünkohl, Röst- und Salzkartoffeln.montage-blau

Die gute Pinkelwurst! Der Mastdarm, natürlich der gesäuberte, gibt ihr Namen und Halt. Und für die Friesen, die ja immer echte Sturköppe sind, ist das eben der Pinkel.

Nie werde ich vergessen, wie ich vor enorm vielen Jahrzehnten in Hamburg in einer Fleischerei die hübsche und rotbackige Verkäuferin um drei Pinkelwürste bat. Ihre braunen Augen gefroren, aber das Fleischerinnenblut flutete ihr Gesicht, was ihre Wangen noch rotbackiger werden ließen. Sie hieß Anne und konnte mir leider nicht behilflich sein, denn Hamburg war damals pinkellos.

Da fällt mir eine andere Anne ein. …

Was mir so an Pikanterien zu der anderen Anne einfällt, erfahrt ihr nächste Woche. Eben klingelt der Postbote. Post aus Ollenborch, das Fresspaket.

2. Teil

Mein Fresspakat aus Oldenburg:k-fresspaket

Also wo war ich stehen geblieben? Ach ja, … da fiel mir Anne ein.
Die lebte in Friesoythe und war eine fröhliche Frau. Und wenn sie Frerk, als der gerade mal auf seinen Beinchen stehen konnte, den Bullenvers vorkicherte,

Er nannte sich Bulle Friesoythe
Und liebt‘ überhaupt keine Loyte
Er spießte sie auf
Und trat noch ‚mal drauf
Und röhrte, weil er sich so froyte.

dann konnte sich Frerk nicht mehr einkriegen vor Lachen.

Jetzt ist Frerk (siehe auf S. 19 hier) ein wuseliger Kerl mit runden Schultern. Er hat zwar seine Franziska in Dangast noch nicht kennen gelernt, aber er läuft sich schon mal warm und mischt gleich um die Ecke mit einer pötterigen Schwalbe (das ist kein Vogel, du Dödel, das ist ein zweigetaktetes DDR-Kult-Zweirad) die Schafe auf dem Deich auf.

johnnyFrerks Vater, Hinnerk Bruns, wummerte inzwischen mit seiner wunderschönen 1100er Virago zur Kuhweide. Und wenn nicht zur Kuhweide, dann zu seinem Eber. Der heißt Johnny. Hinnerk liebt seinen Johnny, denn Johnny ist ein Star mit einer brachialen Aura. Wenn Johnny sich im Schlamm suhlt, bekommen die Säue feuchte Augen. Und das bringt Geld.
Wo das Geld herkommt? Das kommt von Jonnys Schaulaufen. Jeden Donnerstag hat er seinen großen Auftritt, denn jeden Donnerstag läuft er auf – vor einem Spalier rauschiger Säue. Die wollen alle Mutter werden.

Wenn Johnny seine drallen Schinken in der Sonne blitzen lässt, dann bohren sich seine glitzernden Borstenspitzen in die Herzen der stolzesten Säue, und die Hormone feiern Party. Und Zack, schon findet der Samen durch lange Pipetten seinen Weg dahin, wo die Ferkel entstehen. Und Zack, schon bohrt sich der Sieger im Spermienrennen in die Eizelle, wo er mit standing ovation begrüßt wird.

k-virago 1100

Und das ist Johnnys Verdienst und bringt Hinnerk Geld. So viel Geld, dass er seine Virago an mich verhökert hat – ich mach dir nen guten Preis Junge, bist doch nur ein armes Lehrerschwein – , um sich einen antiken Lanz Bulldog zu kaufen mit einem mächtigen Dieselzylinder. Der rattert und rüttelt, dass die Hoden klingeln.

Und wenn Anne ihren Hinnerk so selig auf dem antiken Lanz entlangrattern und rütteln sieht, dann werden auch ihre Augen feucht und die Gedanken schweifen zurück zu einer Zeit, in der die Welt ein großes Spiel war. Zum Beispiel das Kuhbesamungsspiel. Und das geht so:

Personen der Handlung
Hinnerk Bruns: Bauer in Friesoythe.
Anne: seine Frau
Erwin Lüttjohann: ein Veterinär
Johanne: eine Kuh

Die Handlung –  1. Akt:
Hinnerk (24) fährt Anne (19) und Erwin (58) mit seinem Trecker (nicht der antike Lanz!) auf die Weide. Dort dreht Johanne in sich versunken die Zunge um das saftige Gras und rupft Ladung für Ladung in ihr Maul, denn der Pansen braucht Arbeit. Sie hebt den Kopf. Hinnerk schaltet den Trecker aus. Stille.
Alle klettern vom Trecker. Die Sonne scheint, als wolle sie sich für die letzten drei Wochen Dauerregen entschuldigen. Hinnerk streift Johanne ein freundliches Halter um den Hals und hält sie in Position. Erwin greift in seine Veterinärsledertasche und zieht die Samenspritze heraus. Und Anne hat schon den schwarzen Regenschirm aufgeklappt – der Samen mag es kalt – und hält ihn kichernd über die Samenspritze und Zack, schon ist Johanne schwanger.

flieder2cDie Handlung – 2. Akt:
Immer wenn am Abend der Flieder ein rauschendes Frühlingsfest verspricht, lässt Anne in der heimeligen Kate ihre vielfältigen Hüllen fallen bis auf ein paar schwarze Strapse, die sie sich heimlich aus einem Shop in Flensburg besorgt hat, spannt den ebenso schwarze Regenschirm auf und stöhnt eine leises Muh durch das strohbedeckte Gemäuer, und schon kommt Hinnerk in voller Pracht durch die Eichentür gebrettert, und es ist viel Freude in dem Haus, und neun Monate später bekommt Frerk von Hebamme Swantje Övelgönne den vorschriftsmäßigen Klaps auf den Po und schreit, dass die Eltern sich vor Freude in den Armen liegen.

Die Handlung – 3. Akt:
Und kaum ist Anne wieder auf den Beinen, wird gefeiert. Und wie wird das gemacht? Auf jeden Fall – ihr habt es schon erraten – mit Kohl und Pinkel, mit Schluck und Bier. Und damit kommen wir zu dem Rezept – nächste Woche.

3. Teil – Das Rezept
Leider ist das Rezept fast so umständlich wie die Vorrede, denn: Kohl ist nicht überall ein beliebter Geselle. Dem Darm graust vor seinen eruptiven Amokläufen. Dagegen ist Satans Schwefelschweif ein laues Lüftchen. Wer jemals aus kalter Nacht in einen Raum voller Kohlschlemmer geplatzt ist, der nickt nur wissend sein müdes Haupt.

Aber Halt! Das muss ja alles nicht sein, weil, dem Kohl können Zügel angelegt werden …

Wie? Was? Kohl und Zügel? Wie soll das denn gehen?

Ganz einfach soll das gehen. Wir geben dem Kohl einen Tag Zeit, seine halbstarken Rüpeleien abzulegen, zu reifen und ein ordentliches Mitglied der nicht unbedingt ordentlichen Kohl- und Pinkelgemeinde zu werden, indem wir ihm ein Rezept anbieten, bei dem er sich entspannen kann.

Nun hütet jeder Kohl-und Pinkelbrauer sein Rezept wie den Zugangscode zu seinem Internet Banking Account, aber hier gibt es das Ganze quasi als Freeware – und zwar ohne nervige Add-ons.

Ich habe mal eine ganze Boßeltour auf vier Personen heruntergerechnet. Dafür legst du dir bereit

an Hardware:

  • eine mittelgroße Pfanne,
  • einen großen Topf (5-7 Liter, am besten beschichtet)
  • einen Holzlöffel

palmenmontagean Foodware:

  • 1kg gefrosteten Grünkohl
    Hier muss ich leider unterbrechen. Die Oldenburger Palme, gereift am Rande der südlichen Nordsee, läuft erst zu Höchstform auf, wenn der erste scharfe Frost die Kohlenhydrate zu Zucker umgebaut hat. Dummerweise hat der gefrostete Kohl das irgendwie nicht hingekriegt. Wenn du es genau wissen willst, dann schau mal hier. Aber sagen wir es mal so: Der Truhengrünkohl ist ein durchaus schmackhafter Geselle, und der frische Kohl verliert im Laden ratzfatz seine Frische..
  • 100g Hafergrütze (Die armen Exiloldenburger nehmen auch schon mal  Haferflocken)
  • 50g Schweine- oder Gänseschmalz
  • 200g Kasseler
  • oder 100 g Kassler und einen großen Kasslerknochen
    Tipp: Schmeiße nie Kassler Knochen weg, etwa wenn du einen Kasslerbraten oder Kasslerkoteletts entbeint hast. Froste sie ein, sie sind eine Delikatesswürze, sie machen das Sauerkraut zu einem Krönungsessen.)
  • 1 Teelöffel Zucker, nach Belieben Salz
  • 3 Zwiebeln gehackt
  • 0,3 Liter Wasser
  • 1000 g Ammerländer Pinkel (geräuchert)
  • oder 500 g Ammerländer und 500 g Oldenburger (= ungeräucherter) Pinkel
  • 0,3 l Fleischbrühe
  • 1/3 geriebene Muskatnuss –  auch wenn Grünkohltraditionalisten jetzt mit dem Gericht drohen

Dann geht es los
a) Tiefkühl-Grünkohl mit etwas Wasser aufsetzen und bei niedriger Hitze langsam auftauen. Rechne eine gemütliche Stunde ein.
Zwiebeln glasig anbraten, und über den aufgetauten der Grünkohl geben. Alles mit etwas Brühe auffüllen, Salz und Zucker hinzufügen.
Das Kassler und den Knochen im Ganzen rein. Ca. 45 Minuten bei mäßiger Hitze kochen.
Jetzt die 100g Grütze dazu, eventuell Brühe nachfüllen.
(Wenn Haferflocken: Erst 10 Minuten vor Kochende hinzugeben.)
Noch 45 Minuten bis eine Stunde kochen, dabei ab und zu umrühren, damit die Grütze nicht festbrennt.
Am Schluss die Muskatnuss hineinreiben und dem Knochen die restlichen Fleischfitzelchen abkratzen und alles ohne den Knochen einen Tag stehen lassen.

Ah, stöhnt der Kohl, dat is nu mal echt goil.

Am nächsten Tag alles wieder vorsichtig aufkochen und nach einer halben Stunde die angepiecksten Pinkelwürste hinzugeben und noch einmal eine halbe Stunde kochen. Und halt bloß den Holzlöffel bereit: Die Pampe brennt jetzt leicht an. Falls nötig, kannst du immer noch mit Brühe verdünnen. Ist alles zu dünn geraten, kannst du eine halbe Tasse Haferflocken 10 Minuten vor Schluss mitkochen.

Jetzt holen wir Fleisch und Würste aus der Pampe. Das Fleisch ist total fertig und ausgelaugt mit den Nerven nach der Kochtortour. Der größte Teil hat sich eh schon im Kohl aufgelöst. Den Rest kannst du mit der Gabel in seine Fasern zerkratzen, damit es seine endgültige kohlRuhe findet und mischen ihn wieder unter den Kohlbrei.

Die Würste – Perfektionisten spülen sie mit heißem Wasser ab –  betten wir auf einen vorgewärmten Teller und servieren alles mit Salz- oder/und Bratkartoffeln. Dazu haben wir einen Satz Jever oder Beck’s im Kühlschrank und eine Flasche Aquavit im Frosterfach deponiert. Wer es gut mich sich und seinen Gästen meint, der nimmt den braunen aus dem kleinen skandinavischen Königsreich.

Dann, liebe Leute, kann der Winter kommen. Und wenn Walter von der Vogelweide vor vielen, vielen Jahren jammerte, –walter-gedicht weiß

   …, der Ärmste kannte keine Pinkelwurst.

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