Glühwein

12.1.2015, Saas Fee, Wallis

Da sitzen wir am Frühstückstisch, 1800 Meter über dem Meeresspiegel, umgeben von einer Unzahl von 4000ern, zwei davon lächeln uns freundlich zu, sie kennen uns persönlich.
Vor zwei Tagen Frühlingswetter, dann mäßige Kälte und Neuschnee.
Gerade schiebe ich mir eine Scheibe von dem krossen Wurzelbrot zwischen die Zähne und greife nach dem Kaffee, im blauen Himmel kreist ein Hubschrauber, in der Ferne eine dumpfe Explosion, da ruft die Frau mir gegenüber: „Da, da, da.“k-lawine
Mein Kopf geht in alle Richtungen, die Augen suchen aufgeregt im Kreise, die Kaffeetasse bleibt in der Luft stehen, und dann sehe ich es: Eine mächtige Wand aus Schnee wälzt sich die Skipiste herunter, zieht in aller Ruhe an den Häusern vorbei, wächst nach rechts und links, nach oben (nach unten kann sie nicht), und dann weht ein dichter Nebel von Eiskristallen über unseren Balkon.
Eine Schneelawine, gezielt ausgelöst, eines der üblichen verdächtigen Schneefelder ab in die Tiege geschickt. Und um noch eins drauf zu setzen, fegt eine Sturmbö durch das Tal, dass es den Lärchen die Äste in die Länge zieht.

Was für ein toller Tag. Wir machen uns einen Picknick fertig – Wurzelbrot, Landjäger, ein Satz Tomaten und eine Thermoskanne mit Glühwein. Dann unter die Wanderschuhe die Spikes geschnallt – dort wo der Schnee vertrieben worden ist, lauert das blanke Eis – Rucksack auf den Rücken und die Wanderstöcke in die Hand.
Draußen: Sonnenschein, Windstille. Beim ersten Aufstieg die Jacken ausgezogen. Es wird warm, das T-Shirt genügt. Das lacht im Sonnenschein und strahlt. Auf seiner Brust prangt die Triumph Bonneville, die als Realität mit ihren zwei Zylindern traurig und allein am Bodensee unter dem Carport auf bessere Zeiten wartet.
Kurz nach dem Café Alpenblick überschreiten wir die Baumgrenze, und dann geht es los. k-sturm1Eine Bö überfällt uns von oben rechts und bläst uns die Schneekristalle unter die T-Shirts. Schnell die Winterjacken vom Bauch gerissen und über die Arme gestreift, den Reißverschluss hoch und oben abgedichtet.
Dann strahlt wieder in aller Ruhe die Sonne und heizt uns auf – bis zur nächsten Bö. Da strahlt die Sonne zwar noch immer, aber die Ruhe ist vorbei. Minutenlang faucht der Wind den Berg herunter. Wir verwurzeln im Schnee, stemmen uns gegen den Wind und dann, zack, ist der Spuk vorbei.
Unsere Bank hoch oben ist frei, was kein Wunder ist. Die Gondeln fahren nicht, wer soll da den Berg herunterkommen. Und die paar Verrückte, die ihn heute hoch laufen, kann man an den Fingern der eigenen Hände abzählen.
Wir sitzen gut auf der Bank. Der Aufstieg hat hungrig gemacht. Wir packen aus. Ich schenke den Glühwein ein. In dem Moment springt der Wind aus dem Stand auf volle Touren. Die Sicht sackt ab auf null, der Glühwein sieht zu, dass er sonst wo hinkommt, nur nicht in den Glühweinbecher, die Frau ist sauer, weil der Becher leer bleibt, kann aber immerhin gerade noch das Wurzelbrot an der Flucht hindern. Mir fährt eine Ladung Schnee in den Nacken und verdirbt mir sämtlichen Appetit.
Also strategischer Rückzug, allerdings nicht nach unten, sondern nach oben. Hatte nicht einer der wenigen Herunterkommenden uns mitgeteilt, die Hannig Alp mit ihrer windgeschützten und traumhaft schönen Sonnenterrasse hätte den Betrieb nicht unterbrochen? Warteten dort nicht Glühwein und Strudel auf uns?

Und schon haben wir unsere Sachen irgendwie zusammengeklaubt und steigen die restlichen Windungen des Weges nach oben.
Katastrophe. Alles dicht, Tische unter Schnee, Türen geschlossen, die Besatzung mit der letzten noch fahrtauglichen Bahn ins Tal geflohen.
Kehrtwendung, Abstieg. Und dann kommt der Höhepunkt.
Erst ein dumpfer Knall. Dann braust ein D-Zug  durch die Berge.
Wie? Was? Ein D-Zug? Das Zischen von Lok auf Schiene baut sich rapide auf, geht dann in einen Ton über, als würde eine Ladung Kies die Rutsche herunterschießen und – Stille.
Eine Lawine.
Wir drehen uns um. Nichts zu sehen. Sie ist wohl in einem Talausläufer heruntergegangen.
k-sturm2Wir atmen durch. Leider zu früh. Ein Tosen baut sich auf. Wir drehen uns um. Rechts von der Hannig Alm wächst eine mächtige Wolke in den Himmel, kommt näher, und dann fällt sie über uns her. Am liebsten hätten wir uns an den Händen festgehalten, doch wir sind zu weit auseinander und sehen zu, dass unsere Füße sich im Schneeboden festkrallen konnten.

Zwanzig Minuten später. Café Alpenblick. Über allen Wipfeln ist Ruh. Hier ganz besonders. Die Böen haben hier nichts verloren. Die Haubenmeisen turnen an den Futterknödeln. Die sanfte Wirtin serviert uns mit einem Lächeln voll inniger Freundlichkeit einen Apfelstrudel der Sonderklasse, einen Jägertee der Sonderklasse für den einen und einen Glühwein der Sonderklasse für die andere.
Die Welt hat uns wieder – und den Glühwein bekommt ihr nächste Woche.k-montage

Ihr fragt euch wahrscheinlich, wie man im Urlaub mal so nebenbei einen Glühwein braut. Man könnte natürlich zum Glühweinbeutel greifen. Fertigglühwein im Beutel aus dem Supermarkt muss nicht schlecht sein – letzten Endes macht die Wahl des Rotweines den entscheidenden Unterschied – , aber da haben wir doch unseren sportlichen Ehrgeiz. Und für die sportlichen Geister unter euch, die DIY-Typen, die auch schon mal einer ausgeleierten Lasche am Hausschuh mit einer ordentlich zurecht gesägten M4 Schraube ihre Funktionsfähigkeit zurückgeschenkt haben, für die kommt hier die Bauanleitung für die eigene Instant Glühweinmischung.

Allerdings sind zwei Vorbemerkungen angesagt:
1. Alle Zutaten sind ein Vorschlag. Auch Orangen- oder Zitronenschalen, Ingwer, Anis, Kakaoschalen oder Pfeffer oder was weiß ich, sind eine Zierde für jeden Glühwein.
2. Was immer du für einen Rotwein aussuchst, trocken sollte er sein, strecke ihn nur unter Zwang mit Wasser (aber durchaus mit einem Schuss Rum), und erhitze ihn nie über die magischen 78°C. Ab dieser Obergrenze verdampft der Alkohol (und die Gewürze werden zickig).

Für deinen Outdoor Glühwein brauchst du
an Hardware
– 1 Mörser
– 1 Teesieb
– 1 sehr gute (!) Thermoskanne

an Foodware
– 2 Sternanis
– 1 Zimtstange
– 6 Nelken
– 2 Kardamomkapseln (getrocknete Fruchthülsen)
– 1 Vanilleschote
– 4 EL Zucker

zucker 1Zucker? Also das ist ein heißes Thema. In den Tagen, wo die Frage nach einer gesunden sprich korrekten Ernährung schon mal in die Sphären religiöser Verzückung führt, wo schon mal die Frage auftaucht, ob ein Glühwein auf Malventeebasis nicht viel gesünder wäre, muss ich doch kurz auf die Zuckerfrage eingehen.
Und da gestehe ich kurz und einfältig: Die Frage nach der Relation von Kalorientabelle und Zuckersorte schiebe ich als irrelevant beiseite, auch auf die Gefahr, dass mir gleich der Gemeindeernährungsberater auf den Hals gehetzt wird.
Entscheidend sind die kulinarisch-sensorischen Qualitäten der verschiedenen Süßmöglichkeiten. Da fallen Reissirup oder Gerstenmalz schon mal flach.
Weißer Zucker ist da schon besser, aber wirklich topp sind die verschiedenen Rohrzuckervarianten. Hier ist jedoch die Bezugsquelle das Problem. Was immer dein Markt an Varianten im Regal liegen hat, probier es aus:

Für mich sind vor allem zwei Typen interessant:
1. Demerara-Zucker (manchmal auch Demerera-Zucker) ist der Überbegriff für eine spezielle Art von Rohrzucker. Er besteht aus relativ großen Kristallen (wie der bekannte weiße Rübenzucker) und weist einen Melassegehalt von ca. 2 bis 3 % auf. Das ist gut, das ist aromatische Power. Nimmt die unraffinierte Variante, die hat noch mehr Power.
Wenn du mal deinen Tee damit süßt, vor allem, wenn es ein Lapsang Souchong ist, dann weißt du, was ich meine.
2. Vollrohrzucker ist total unraffiniert (wenn man das so sagen kann). Wie Zucker sieht er nicht aus, eher wie ein günbraunes Schlammdestillat.
Manche Leute stehen drauf, ich stehe auf dem Demerara. Aber wenn du einen Supermarkt in der Nähe hast (wie ich) – heißt der nun ADEKE oder ODEKA oder EKEDA? – der hat da was im Regal, das kann deinen Spieltrieb eine Weile beschäftigen.

Und damit kommen ich – endlich – zum Zusammenbau meiner Mischung:
– Sternanis, Zimt, Nelken und Kardamomkapseln zerkleinere ich in meinem Mörser so klein es geht.
– Die Vanille schneide ich in kleine Stücke.
– Jetzt mische ich die Gewürze mit dem Zucker,  fülle alles in ein verschraubbares Glas, warte ein paar Tage und dann ziehen  wir los.
– Für den Glühwein kippe ich 3 TL auf einen halben Liter aufgeheizten Wein in die Thermoskanne. Ich süße dann immer nach, für meine Deern ist die Menge gerade richtig.
Ist die Menge für euch zu aromatisch, dann reduziert auf 2 TL und zuckert ensprechend nach.

Und nicht vergessen, wenn es losgeht in den winterlichen Wald:
1. Ein Teesieb
2. Einen Satz Linzer Torte (dafür gibt es eine Expertin auf der anderen Seite des Schwarzwaldes) oder einen Satz Butterkuchen (da gibt es einen Experten am Bodensee) oder einen Satz Tartan Short Bread (da habe ich eine Expertin gleich im Haus).

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